Mars - Mit dem Velo nach Wien PDF
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Eine Velotour und ihre Auswirkungen

 

¨… wann gibt es etwas zu essen? Wie lange fahren wir noch bis zur nächsten Pause? Wo schlafen wir heute Abend? …"

 

Schon nach wenigen Stunden nach dem Verlassen des Oberfeldes, haben sich die Fragen der Jugendlichen grundsätzlich verändert. Keine Forderungen mehr nach Musikkonsum, Mobiltelefonen und Computerspielen. Sofort reduzieren sich die Gedanken auf den eigenen Körper, die Wahrnehmung verändert sich. Man spürt sich, den Hunger, den Rücken, die müden Beine, das Hinterteil.

 

Auch die Veränderung der Landschaft wird auf dem Fahrrad erlebt und erfahren. So ist nach den gewohnten Hügelzügen des Rheintals und der Region Bodensee nun die Anstrengung der Fahrer bei ständigem auf und ab über die Allgäuer Alm deutlich erkennbar, manchmal auch hörbar. In der sanften Hügellandschaft wechseln sich dichte Wälder mit goldgefärbten Rapsfeldern ab. Ab Ulm gilt die Donau als steter Reisebegleiter und führt durch die abwechslungsreiche Gegend, gezeichnet von abgelegenen Dörfern, historischen Städten und einsamen, naturbelassenen Landstrichen. Da der Radweg meistens dem abwärtsfliessenden Fluss folgt, zählt nicht die Höhendifferenz zur grössten Herausforderung sondern die Ausdauer über die zurückzulegenden Tagesdistanzen und der öfters hartnäckige Gegenwind. Zu einem speziellen Erlebnis gehört gewiss der Donaudurchbruch bei Weltenburg. Die Fahrräder werden auf das Donauschiff verladen, um die folgenden sechs Kilometer mit dem Schiff zurückzulegen. Kurz vor Wien legte sich uns die wunderbare Weingegend der Wachau zu Füssen. Weit und breit sind Rebberge zu sehen. Kleine, gepflegte Dörfchen laden zur Besichtigung.

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Die Wichtigkeit des Wetters verändert sich auf einer Erlebnisreise dieser Art gewiss. Es bestimmt den Rhythmus und die Befindlichkeit. Das Wetter gewinnt plötzlich an Wert und es beeinflusst die Organisation vom Packen, Einkaufen und Kochen. Wiederholt überraschen kurze oder längere Schauer, welche zum Anziehen der Regenbekleidung zwingen. Die trocknenden Sonnenstrahlen werden nach jedem Regenschauer mehr geschätzt. Das Wetter in Linz ist nass und kalt. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, ein Stück der „Originalen Linzertorte“ in der Altstadt zu geniessen.

 

Ebenso verändert sich die Wichtigkeit der Zeit. Diese muss insofern eingehalten werden, dass beim Zusammenpacken nicht wertvolle Minuten verloren gehen. Während dem Tag hat Stress aufgrund von Therapien, Hofeinsätzen oder sonstiger Freizeitgestaltung keinen Raum. Gegessen wird, wenn es der Rastplatz und das Wetter erlaubt. Einzig der Einkauf zwingt auf den richtigen Zeitpunkt zu achten, der letztmöglichen Supermarkt vor dem Zeltplatz zu verpassen würde knurrende Bäuche zur Folge haben.

 

SC06620Hunger und Durst gilt es einzuteilen und auch auszuhalten, denn nicht überall ist das Auffüllen von Trinkwasser möglich. Die Planung der Mahlzeiten ist plötzlich essentiell. Jeweils am späteren Nachmittag wird die gesamte Tagesration für den Abend und den kommenden Tag eingekauft. Für das Wochenende muss die doppelte Menge an Nahrungsmittel auf die Fahrräder verteilt werden, was für alle Teilnehmer eine zusätzliche Last bedeutet. Die Wertschätzung gegenüber warmem Essen am Abend und den zwei Restaurantbesuchen ist spürbar. Die Kinder und Jugendlichen reagieren mit grosser Freude und Dankbarkeit über Sachen, die ihnen im heimischen Alltag oft kaum auffallen.

 

Hundert Kilometer pro Tag zurückzulegen sind vor dem Projekt für die Jüngeren kaum vorstellbar gewesen. Doch bereits nach dem ersten Tag verändert sich ihre Wahrnehmung über die eigenen Grenzen völlig und es werden täglich sieben Stunden in die Pedalen getreten als ob sie nichts anderes kennen würden. Wenn man fast tausend Kilometer zurücklegt, stellt man schnell fest, was eine richtige Ausrüstung bedeutet. Die Velos müssen fahrtüchtig und ergonomisch sein. Die Kleidung muss bequem und wetterfest sein. Cool aussehen alleine nützt wenig. Das Zelt muss auch bei Wind und Regen trocken bleiben, so auch der Inhalt der Velotaschen.  Die Nächte im Mai waren frisch. Frieren in der Nacht bedeutet zu wenig Schlaf. Dieser beeinflusst die körperliche und psychische Leistung am Tag.

 

Velotour_Marbach-Wien_467Nach gut 9 Tagen und 935km passieren wir die Ortstafel von Wien. Was für ein Ereignis. Die Gruppe hat ihr Ziel erreicht! Grund genug für ein freudiges Erinnerungsfoto mit lauter strahlenden und stolzen Gesichtern. Der übrige Weg bis zur Jugendherberge, in welcher wir unsere letzte Nacht verbringen, stellt sich als eine weitere Herausforderung heraus. Die Verantwortung über  15 Radfahrer in einer Kolonne über unzählige Kreuzungen in einer Millionenstadt ist nicht zu unterschätzen. Den Nachmittag verbringen wir zu Fuss in der Wiener Innenstadt. Der versprochene Höhepunkt ist das Wiener Schnitzel mit Pommes in einem gemütlichen Restaurant. Auf unser gemeinsam erreichtes Ziel wird natürlich angestossen und alle geniessen einen gediegenen Abschlussabend in Wien. Die Heimfahrt per Bahn nach Feldkirch dauert, mit Verspätung, fast acht Stunden. So fahren wir die letzten Velokilometer nach Marbach, wo die Kinder und Jugendlichen herzlich von ihren Eltern empfangen werden.

 

Die genannten Veränderungen in den jungen Menschen und sich selbst zu beobachten und mit zu erleben ist ein interessantes Erlebnis. Auch wenn sie nur für elf Tage gewesen sind und zu Hause rasch wieder die bekannten Muster im Alltag auffallen ist feststellbar, dass ein solches Projekt die Persönlichkeit eines Teilnehmers und einem selbst auf die eine oder andere Weise verändert.
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. November 2011 um 10:28 Uhr